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"Den Medien ist egal, was mit uns passiert."

"Den Medien ist egal, was mit uns passiert."

Christen unter Druck

Pastor Amaru* (42) ist Leiter der Dienste des international tätigen Hilfswerkes für verfolgte Christen Open Doors in Nigeria und lebt im Plateau-State, dem nigerianischen Hauptkonflikt-Gebiet zwischen Muslimen und Christen. ERF online hat mit ihm über die derzeitige politische Lage, die islamische Sekte Boku Haram und die Anschläge auf Christen im Sommer dieses Jahres gesprochen.

ERF.de: Herr Amaru, bevor die Kämpfe Ende Juli und Anfang August 2009 eskalierten, sagte der Staatspräsident Umaru Yar´Adua: „Das ist kein interreligiöser Konflikt." Sind Sie derselben Meinung?

Pastor Amaru: Das war ein politisches Statement. So erzählt die nigerianische Regierung der Welt, dass kein Problem besteht. Aber unsere Erfahrung ist eine andere. Die Medien, sogar die nigerianischen Medien haben nicht davon berichtet, was den Christen passiert. Das einzige, worüber sie geredet haben: Die islamische Gruppe Boku Haram ist gegen den Westen, ist gegen die Regierung. Bloß: Als die Übergriffe starteten, haben sie keine Regierungsgebäude zerstört, sondern Kirchen. Wenn Politiker also davon sprechen, dass es sich nur um einen politischen Konflikt handelt, ist das - so weit wir das sehen können - nicht die Wahrheit.

ERF.de: In der deutschen Presse wird die steigende Radikalisierung von Muslimen im Norden immer wieder in Zusammenhang gebracht mit der schlechten wirtschaftlichen Lage vor Ort. Was ist da dran?

Pastor Amaru: Das ist die westlich-materialistisch geprägte Sichtweise. Es wird immer wieder behauptet, aber es stimmt nicht. Die Wahrheit ist: Muslime sehen es als ihre Pflicht an, den Islam zu verbreiten. Und der Islam wird vorrangig durch den Dschihad verbreitet. Der Dschihad kann natürlich verschiedene Ausdrucksformen annehmen. Aber in Nigeria nimmt der Dschihad die Form von gewalttätigen Übergriffen auf Christen an.

Der Begriff Dschihad (arab.)bedeutet "Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz" und bezeichnet im Koran und der Sunna primär den militärischen Kampf, aber auch - nach muslimischem Glauben - allgemein die Anstrengung auf dem Weg Gottes. (Wikipedia)
Eine der Sorgen eines jeden Muslims ist die Frage, wie er in das Paradies kommen kann. Und ihnen wird gesagt: ,Wenn du den Märtyrertod stirbst oder Christen tötest, hast du ein direktes Ticket in den Himmel. Ansonsten musst du dich anstrengen und musst viele gute Taten tun.´ Wenn sie also davon reden: ,Es ist wegen der wirtschaftlichen Lage´ oder wegen diesem oder jenem, versuchen sie nur einen Weg zu finden, den wahren Beweggrund ihres Handelns zu verheimlichen. Der wahre Grund ihres Handelns ist: Der Islam muss herrschen.

ERF.de: Aber die religiösen Gegensätze zwischen dem mehrheitlich islamischen Norden und dem mehrheitlich christlichen Süden bestehen ja schon seit langem. Wie kommt es, dass die Spannungen jetzt wieder so zugenommen haben?

Pastor Amaru: Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass es seit den 1980er Jahren neue muslimische Prediger gibt, von denen viele im Nahen Osten ausgebildet worden sind. Sie verkündigen eine radikalere Form des Islam. Es hängt also mit der Art und Weise zusammen, wie der Dschihad interpretiert wird. Einige Muslime sehen darin nicht die Bedeutung, andere Menschen anzugreifen. Diese Gruppe aber sagt: ,Dschihad meint, so zu handeln, wie es der Prophet getan hat.´ Und der Prophet gebrauchte das Schwert.

ERF.de: Nun wird in der deutschen Presse auch immer wieder der Vorwurf laut, dass die Radikalisierung im Norden mit der verstärkten christlichen Missionstätigkeit aus dem Süden zu tun hat. Wie denken Sie darüber?

Pastor Amaru: Vor zwei Jahren wurde ein neuer Sultan eingesetzt, der das Oberhaupt aller nigerianischen Muslime ist. Und eine seiner ersten Aussagen war: Er werde den Islam im Norden Nigerias stärken und ihm die Vormachtstellung verschaffen. Der Sultan machte auch deutlich, was das bedeutete: Jede andere Religion, die dem Islam entgegen steht, muss sich auf Schlimmes gefasst machen. Das ist die Ausgangslage.

Er erwähnte auch, er sei nicht beunruhigt durch die Gemeinden im Norden Nigerias, die ursprünglich aus dem Süden stammen. Denn diese Gemeinden hätten die Menschen im Blick, die selbst ursprünglich aus dem Süden Nigerias kämen. Besorgt sei er aber über Kirchen wie ECWA (Evangelical Church of Westafrica), die gezielt unter den einheimischen Muslimen tätig ist.

ERF.de: Wie wirken sich nun die Konflikte für die Menschen vor Ort aus und wie reagieren die Kirchen in Nigeria?

Pastor Amaru: Viele Christen mussten ihr Leben lassen und es gibt viele Witwen. Denn die Muslime töten bei Angriffen fast keine Frauen. Eine weitere Folge ist, dass viele Kirchengebäude zerstört worden sind. Oft hat es einige Jahre gebraucht, diese Kirchen zu bauen. Und auf einen Schlag wurden sie zerstört. Wir sehen aber auch eine größere Einheit unter den Christen, weil die Menschen merken, dass sie einander brauchen. So entstehen durch die Konfessionen hindurch ein größerer Zusammenhalt und mehr Gebet.

Christen merken, dass es sich um eine geistliche Auseinandersetzung handelt, die sich auf der natürlichen Ebene zeigt. Und es gibt viele Fälle, bei denen Christen, die fähig gewesen waren zu vergeben, den Muslimen das Evangelium erzählen und diese durch ihr Zeugnis zum Glauben an Jesus kommen. Bei manchen Muslimen lassen auch die gewaltsamen Übergriffe auf Christen Fragen aufkommen: ,Ist das der richtige Weg, Menschen zu töten?´ Das hilft bei den Bemühungen, den Menschen das Evangelium weiter zu sagen. Weil sie nun selbst den Islam in Frage stellen und offen gegenüber dem christlichen Glauben werden.

  ERF.de: Aber reagieren Christen nicht auch mit Wut und Gewalt auf die Übergriffe der Muslime?

Pastor Amaru: Ich bin der Meinung, dass die Christen in Nigeria oft fälschlicherweise der Gewalt beschuldigt werden. Ein Beispiel solch eines ungerechtfertigten Angriffs von Muslimen geschah 2006 in Kano im Norden Nigerias, es gab aber noch drei ähnliche Fälle. Ein Muslim schmierte in eine Moschee einen gotteslästerlichen Satz über Mohammed. Danach wurde die christliche Minderheit in der nächstgelegenen Schule dieser Tat beschuldigt. Bei späteren Ermittlungen fand man heraus, dass die Christen nichts damit zu tun gehabt hatten, aber bis zu diesem Zeitpunkt war die Gewalt schon losgebrochen.

Das ist eine Strategie der Muslime. Denn ausgehend von diesem Punkt kam es in der ganzen Stadt zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen Christen. In dieser Stadt, wurden alle vorhandenen Kirchen niedergebrannt. In einem anderen Fall ist eine Moschee aufgrund eines elektrischen Kurzschlusses niedergebrannt. Aber Muslime wollen so etwas nicht hören. Wenn eine Moschee niederbrennt, folgern sie gleich, dass das die Christen waren.

ERF.de: Gibt es von muslimischer Seite Bemühungen, den Frieden zu wahren oder wiederherzustellen?

Pastor Amaru: Ich würde sagen, es gibt eine ganze Reihe von Muslimen, die am Frieden im Norden Nigerias interessiert sind. Wir haben zu einigen von ihnen Kontakt. Sie sehen diese gewaltsame Ausbreitung des Islam als falsch an und wollen nicht glauben, dass dies die Art und Weise ist, wie der Islam zu sein hat.

ERF.de: Schätzungen zufolge kamen in den vergangenen zehn Jahren über 10.000 Menschen bei dem Konflikt ums Leben. Seit Beginn der zweiten Intifada in Palästina starben 4.000 Menschen. Der Konflikt in Nigeria wird aber viel weniger wahrgenommen. Warum denken Sie, ist das so?

Pastor Amaru: Wie schon gesagt, hat keine einzige Zeitung in Nigeria im Zusammenhang der Übergriffe in Maiduguri im Juli und August dieses Jahres von der Niederbrennung von Kirchen berichtet. Sie haben sich nur um die islamische Gruppe gedreht und was die Regierung dagegen tun könnte. Nur eine einzige Zeitung zeigte ein Bild von einem ermordeten Pastor. Aber in der Zeit sind über zwanzig Kirchen niedergebrannt worden.

Das Problem ist also die falsche Darstellung in den Medien, selbst in Nigeria. Die säkularen Medien sind nicht daran interessiert und die nigerianischen Christen besitzen keine eigenen Zeitungsverlage. Sogar in Nigeria selbst könnte es sein, dass Sie jemanden darauf ansprechen und er sagt: Nein, so ist das nicht. Denn viele wissen es einfach nicht besser.

Auswirkungen der Ausschreitungen in Jos/Plateau-State Ende November 2008:  56 Kirchen und zahlreiche Häuser von Christen durch Muslime niedergebrannt.
ERF.de: Bis 2007 war der christliche Präsident Obsanjo an der Spitze in Nigeria. Wie hat sich die Lage durch den jetzigen muslimischen Präsidenten verändert?


Pastor Amaru: In der Regierungszeit des christlichen Präsidenten war die Lage sehr schlimm. Denn wie wir von Insidern erfahren haben, hatten Muslime den Plan, im Norden Nigerias alles dafür zu tun, die Regierung des christlichen Präsidenten handlungsunfähig zu machen. Und so konnte man beobachten, dass es in seiner Regierungszeit viele Angriffe gegen Christen gab.

Ich denke, der damalige Präsident versuchte gerecht zu regieren. Aber in gewissem Sinn war er auch von der Furcht getrieben, als unloyal gegenüber den Muslimen zu gelten. Schon im Jahre 2000, ein Jahr nach seiner Regierungszeit, wurde im ersten nigerianischen Staat die Scharia eingeführt. Als er dazu befragt wurde, wollte er nichts Negatives sagen - aus Angst, Muslime zu beleidigen.

ERF.de: Würden sich die Wahrung der Menschenrechte und eine demokratische Grundstruktur in Nigeria leichter verwirklichen lassen, wenn der Westen nicht so gleichgültig wäre?

Pastor Amaru: Man würde es nicht gerne sehen, wenn der Westen sich mehr einbringen würde. Es würde dann so aussehen, als ob der Westen die Kontrolle übernehmen wolle. Oder welches Engagement des Westens meinen Sie?

ERF.de: In dem Sinne, zu helfen wie es möglich ist, um eine Lösung des Konflikts voranzutreiben.

Pastor Amaru: Das, was in Seminaren und Diskussionen erarbeitet wird, ist vollkommen nutzlos. Gerade jetzt wurde von all den Organisationen der Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft, die in Nigeria arbeiten, ein Ergebnis dessen vorgelegt. Es ist noch nicht offiziell, aber ich habe von einer Person gehört, dass die Lösungsvorschläge einfach nicht durchführbar sind. Die Diskussionen und gemeinsamen Überlegungen funktionieren einfach nicht.

Und wenn Hilfsgüter kommen, erreichen sie nicht die Menschen, die diese Hilfe nötig haben. Es findet Diskriminierung statt. Organisationen wie die Europäische Gemeinschaft, die Vereinten Nationen oder andere versuchen, die Ärmeren zu unterstützen und gehen den offiziellen Weg über die Landesregierung und die Regierung der Bundesstaaten. Viel Geld fließt in die nördlichen Teile von Nigeria, das versichere ich Ihnen. Aber das Geld kommt nicht bei den Christen an. So sieht es in Wahrheit aus.

ERF.de: Wenn Sie sich Nigeria in zehn Jahren vorstellen: Welche Hoffnungen und welche Ängste haben Sie, gerade als Christ?

Pastor Amaru: Meine Hoffnung ist, dass es im Norden Nigerias immer mehr Christen geben wird. Gott ist sehr am Wirken. Das ist keine Träumerei. Aber auf der anderen Seite, wenn man die gegenwärtige Entwicklung anschaut, habe ich die Angst, dass es auch hier zu Selbstmordanschlägen kommen könnte. Denn in Nigeria gibt es einen starken Einfluss des Nahen Ostens. Zuerst haben Muslime Christen mit Messer, Knüppeln, Buschmessern und dergleichen angegriffen. Nun werden moderne Waffen benutzt und wir hören von Granaten und Bomben. So hoffen und beten wir, dass nicht auch noch Selbstmordanschläge dazukommen.

Vielen Dank für das Gespräch!
 

Weitere Informationen: Länderinformation Nigeria bei Open Doors


*Name aus Sicherheitsgründen geändert

Photos: Open Doors

Autor: Die Fragen stellte Sabine Petri

Quelle: erf.de

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