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Mit Zeitgeist und Steuern gegen den Schwund

Mit Zeitgeist und Steuern gegen den Schwund

Auch wenn es in der Adventszeit anders wirken mag: die Kirchen in Deutschland kämpfen nach wie vor mit sinkenden Mitgliederzahlen. Während Protestanten und Katholiken versuchen, dem Schwund mit kreativen Ideen entgegenzuwirken, fordert der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung, Ulrich Blum, eine Steuer für Abtrünnige.

Weihnachtliche Stimmung und volle Gotteshäuser: Im Advent muss die Kirche nicht um Besucher bangen - im neuen Jahr laut Prognosen dafür umso mehr. (Foto: Tommi Komulainen)

Beginnen wir mit den positiven Zahlen: Die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) verzeichnet pro Jahr rund 60.000 Eintritte, darunter sind 20.000 Konfirmanden und 10.000 katholische Konvertiten. Die katholischen Bistümer in Deutschland melden hingegen jährlich rund 4.000 Übertritte von Protestanten, insgesamt treten rund 5.000 Menschen ein - Kommunionkinder, die nachträglich getauft werden, nicht mitgerechnet. Das meldete die "Süddeutsche Zeitung" (SZ). Nun die negativen Zahlen: 2008 haben mehr als 160.000 Mitglieder die EKD verlassen, bei den Katholiken sind es 121.000. Das zeigt zweierlei: Zum einen treten weit mehr Menschen in die EKD ein, als in die Katholische Kirche - sie verlassen erstere aber auch leichter. Insgesamt lässt sich ein Fazit ziehen, dass leider nicht neu ist: Die Kirchen verlieren Mitglieder, der Zuwachs kann den Schwund bei weitem nicht ausgleichen.

Kirchen stellen Minusrekord auf

Das zeigt sich auch wirtschaftlich. Wie die "Tagesschau" berichtete, verzeichnet das Erzbistum Köln in diesem Jahr Einnahmeausfälle von rund 80 Millionen Euro. Die Einkünfte des Bistums Aachen sinken um mehr als 30 Millionen Euro. In der Meldung heißt es: "Wenn das Niveau der Kirchenaustritte seit der Wiedervereinigung anhält, sinkt die Mitgliederzahl der katholischen Kirche in den kommenden zwanzig Jahren um vier auf 20 Millionen. Die evangelische Kirche muss noch Schlimmeres verkraften. Hält der Trend an, schrumpft die Zahl der steuerzahlenden Gläubigen bis zum Jahr 2030 auf 17 Millionen. Das wären dann neun Millionen Mitglieder weniger als bislang - ein Minusrekord."

Wie die SZ zeigt, begegnet die EKD dem Mitgliederschwund zeitgenössisch - im Einkaufszentrum. In einem Shopping-Paradies in Dodenhof im Kreis Verden haben Gemeinden der Hannoverschen Landeskirche in diesem Advent bereits zum fünften Mal eine Eintrittsstelle eingerichtet. Mehr als 50 neue Mitglieder habe die Kirche so in diesem Dezember schon gewonnen, allein 27 am ersten Wochenende. Rund 140 solcher Eintrittsstellen hat die EKD, die meisten sind ganzjährig in Kirchen geöffnet. Die EKD erklärt, warum Menschen eintreten: Selten sei ein echtes Bekehrungserlebnis das Motiv, ebenso wenig der Wunsch, die Voraussetzungen für eine kirchliche Heirat oder eine Taufpatenschaft zu erfüllen. Die meisten wollten schlicht wieder zur Kirche dazugehören.

Der Altersdurchschnitt der Eintretenden liege zwischen 30 und 40 Jahren, in Ostdeutschland seien die Menschen etwas jünger. Dort suchten mehr Menschen mit ehemals konfessionsloser Kindheit eine Bindung an die Kirche. Ost-West-Unterschiede gebe es auch beim Einkommen: Während im Osten eher Mittel- und Oberschichtler den Weg in die Kirche suchen, seien es im Westen meist Menschen mit mittlerem und niedrigerem Einkommen. "Ihnen vermittelt die Kirche offenbar ein Heimatgefühl, das sich bei Menschen dieser Schichten heute sonst eher selten einstellt", schreibt die SZ.

Eine Steuer fürs Soziale

Eine ganz andere Methode, um dem Mitgliederschwund der Kirchen entgegenzuwirken, schlug nun der Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Blum vor. Der "Bild-Zeitung" sagte er: "Wer aus der Kirche austritt und keine Kirchensteuer zahlt, sollte eine andere Abgabe an eine soziale wie das Rote Kreuz entrichten." Er schlage deshalb eine "Ethiksteuer nach italienischem Vorbild" vor. Ihr Satz betrüge dann sieben Prozent der Lohn- und Einkommenssteuer. Damit könne die Zahl der Kirchenaustritte möglicherweise gebremst und Trittbrettfahrerverhalten unterbunden werden. "Schließlich nehmen auch Nicht-Kirchensteuerzahler häufig soziale Dienste oder Seelsorger in Anspruch", sagte Blum weiter. In einem Interview mit dem "Domradio" erklärte er: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der Einkommenssteuer zahlt, an den sieben oder acht Prozent Kirchen- oder Ethikssteuer zugrunde geht. Und wenn er das tut, muss der Staat einspringen. Das tut er ja auch, wenn sonst Einkommen fehlt."

Thorsten Latzel, Oberkirchenrat der EKD, setzt hingegen auf christliche statt finanzielle Motive bei einem Entschluss zur Kirchenmitgliedschaft. In der SZ sagte er, Rückkehrer wendeten "sich ab von dem Trugschluss, man könne den Glauben auf Dauer privat und ohne jede Bindung an andere Christen leben". Weiter meint Latzel: "Das geht nicht, das Christentum ist eine Gemeinschaftsreligion, weshalb die formale Bindung an die Kirche bereits eine theologische Aussage ist." (pro)

VON: AW | 23.12.2009

Quelle: pro-medienmagazin.de

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