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„Persönlich verletzt“

„Persönlich verletzt“

Von Christian Vollradt

Ingeborg Löwenthal überreicht den Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreis an Helmut Matthies (Foto: JF)
Frau Löwenthal, wie bewerten Sie den Vorwurf Christhard Wagners, Idea-Chefredakteur Helmut Matthies „balanciere auf dem Grat zum rechtsextremen Milieu"?

Löwenthal: Ich bedauere zutiefst die Entwicklung in der evangelischen Kirche und beobachte voller Sorge die geistliche Situation und damit im Zusammenhang die theologischen Probleme, die durch die vordergründige Politisierung zu immer größerer Verunsicherung führen. Insbesondere die konservativen Angehörigen der Kirche fühlen sich allein gelassen.

Die Austrittszahlen sprechen für sich. Ich bedauere darüber hinaus die absolute Einseitigkeit in der Argumentation von Herrn Wagner, ohne daß auch nur der Versuch gemacht wurde, im Gespräch die gegenseitigen Gesichtspunkte zu klären beziehungsweise sich auch nur über Tatsachen zu informieren, ehe solche Aktionen gestartet werden.

Fühlen Sie sich durch die Polemik Wagners auch persönlich getroffen?

Löwenthal: Natürlich fühle ich mich auch persönlich verletzt, und ich empfinde es als ausgesprochen infam, Gerhard Löwenthal als Preisgeber dem Rechtsextremismus zuzuordnen. Mein Mann hat mit seiner Familie als Jude Verfolgung und Inhaftierung durch die Nationalsozialisten durchgemacht, Familienmitglieder in Theresienstadt verloren und nur durch glückliche Umstände überlebt.

Ich selbst bin die Tochter des Mitbegründers der CDU in Berlin und langjährigen Bundesministers Ernst Lemmer, dem 1933 das Reichstagsmandat als Abgeordneter von den Nationalsozialisten bei gleichzeitigem Berufsverbot in Deutschland aberkannt worden ist.

1949 mußte die Familie aus politischen Gründen den Wohnsitz in der sowjetischen Besatzungszone verlassen. Daraus ergibt sich eindeutig, daß ich niemals einer rechtsradikalen Zeitung die Möglichkeit eingeräumt hätte, den Namen meines Mannes für die Verleihung eines Preises zu benutzen.

Steckt in Wagners Anwürfen vielleicht auch noch der Geist der DDR-Propaganda gegen den „Kalten Krieger" Löwenthal, der sich als Journalist wie kaum ein anderer gegen die menschenverachtende Politik des SED-Regimes gewandt hatte?

Löwenthal: Das kann ich nicht beurteilen. Auszuschließen ist es sicher nicht, daß in den Köpfen linientreuer SED-Mitglieder damals eine Aversion gegen jeden westdeutschen Kritiker des Regimes bestand und möglicherweise auch heute noch vereinzelt anzutreffen ist. Die Lebensgeschichte und Einstellung von Herrn Wagner kenne ich natürlich nicht und hat mich auch nicht zu interessieren.

Mein Mann leitete in den Jahren 1969 bis 1987 das „ZDF-Magazin", das durch die Aktion „Hilferufe von drüben" ab 1975 und den gleichnamigen Verein vielen Menschen in der damaligen DDR helfen konnte. Die Folge davon war eine Bespitzelung über Jahre durch die Stasi im Auftrag von Markus Wolf, wie die Akten belegen. Es gab aber auch drüben viele Menschen, die seine Sendung mit Interesse verfolgten, wie wir wissen.


Dr. Ingeborg Löwenthal ist die Witwe des 2002 verstorbenen legendären Fernsehjournalisten Gerhard Löwenthal.

JF 2/10


Quelle: jungefreiheit.de

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