Donnerstag, den 20. Mai 2010 um 11:00 Uhr | Geschrieben von: pro-medienmagazin.de | | |
"Zwangsheirat ist Vergewaltigung auf Lebensdauer"
Die ehemalige Muslimin Sabatina James sollte als junges Mädchen
in Pakistan zwangsverheiratet werden. Doch sie konnte fliehen - und
hilft seit einigen Jahren Frauen, die ein ähnliches Schicksal haben. Im
pro-Interview schildert sie die Lage von Musliminnen.
Sabatina James sollte in Pakistan zur Ehe mit ihrem Cousin gezwungen werden. Sie lebt derzeit in Deutschland. (Foto: Sabatina e.V.)
Sie haben 2004 Ihr Buch "Sterben sollst du für dein Glück"
veröffentlicht, in dem Sie über Ihre Zwangsheirat in Pakistan, Ihre
Flucht und den Beginn eines neuen Lebens im Westen geschrieben haben.
Was hat sich seitdem in Ihrem Leben verändert?
Ich habe
aufgrund des Buches viele Anfragen von muslimischen Frauen erhalten, die
ein ähnliches Schicksal erlebt und um Hilfe gebeten haben. An einen
Brief erinnere ich mich noch gut: Eine Muslimin schrieb mir, dass ihre
Freundin gerade in Tunesien ist und mit ihrem Cousin verheiratet werden
soll. Ich wusste damals noch nicht, wie ich solchen Mädchen helfen
könnte. Nachdem ich mit Politikern über die Situation gesprochen hatte,
wurde mir schnell klar: Ich muss selbst tätig werden. 2006 habe ich dann
in Hamburg "Sabatina e.V." gegründet, den Verein, der sich seitdem um
Mädchen kümmert, die zwangsverheiratet werden sollen oder wurden.
Ihr
Einsatz hat biographische Gründe: Sie sollten von Ihren Eltern in
Pakistan mit ihrem Cousin zur Heirat gezwungen werden. Wie traumatisch
ist solch eine Erfahrung für junge Musliminnen?
Für mich war
es nach meiner Befreiung aus den Zwängen meiner Familie und der
Partnerschaft mit meinem Cousin anfangs extrem schwer, auch nur berührt
zu werden. Die Angst vor Missbrauch saß lange Zeit sehr tief. Unter
Männern in Pakistan, meiner Heimat, ist Perversion weit verbreitet, es
gibt keinerlei Aufklärung zur Sexualität. Frauen haben keine Rechte, das
nutzen die Männer aus. Frauen, die komplett verschleiert sind und nur
von ihrem Mann enthüllt werden, empfinden schon diesen Akt als eine
Vergewaltigung. Zwangsheirat ist Vergewaltigung auf Lebensdauer.
Wie
weit ist Zwangsheirat grundsätzlich in muslimisch geprägten Ländern
verbreitet?
"Unicef" geht weltweit von etwa 60 Millionen
Kindern aus, die zwangsverheiratet werden. Pakistan etwa ist das Land
mit den meisten so genannten "Ehrenmorden", eine Tat, die unmittelbar
mit der Zwangsheirat zusammenhängt. Fügt sich eine Muslimin nämlich
nicht dem Willen ihrer Eltern oder Verwandtschaft und geht die Ehe mit
einem von ihr nicht selbst ausgewählten Mann ein, schwebt sie in der
dauernden Gefahr, für die "Schande", die sie über die Familie gebracht
haben soll, ermordet zu werden.
"Ehrenmorde" kommen auch in
Deutschland vor.
Ja, das ist fatal. Ich bin davon
überzeugt, dass Integration in westlichen Ländern bei den muslimischen
Frauen beginnen muss. Das heißt, sie müssen in ihrer oft fatalen
Lebenslage unterstützt werden. Auch in Deutschland wollen Frauen von
zuhause fliehen, weil sie zwangsverheiratet werden sollen. Diesen meist
jungen Musliminnen muss geholfen werden, weil sie sich integrieren
wollen! Integration bedeutet daher nicht, mehr Moscheen zu bauen oder
mehr muslimische Kindergärten für mehr Integration zu fördern. Das ist
der falsche Ansatz. So wird eine Abkapselung gefördert.
Die
Regierungen in Belgien und Frankreich planen derzeit ein Gesetz, dass
ein Verbot der Burka für muslimische Frauen vorsieht. Auch hier wird
argumentiert, dass sich Frauen in der Öffentlichkeit eines westlich
geprägten Landes nicht Abkapseln sollen. Wie stehen Sie zu den
Gesetzesinitiativen?
In Pakistan habe ich eine Nikab
getragen, eine Verschleierung, die nur die Augen freilässt. Muslimische
Frauen, die sich verschleiern, fühlen sich, als ob sie nicht existieren.
Sie haben keine Persönlichkeit, dürfen nicht gesehen werden, sie sind
unsichtbar, sie sind nichts. Verhüllte Frauen nehmen am öffentlichen
Leben nicht teil, werden nie angesprochen. Nur im eigenen Haus können
sie kommunizieren, meist mit dem eigenen Mann und ihrer Familie. Hinzu
kommen die Gründe für eine Verhüllung: Eine Frau muss nach islamischem
Recht eine Burka tragen, damit der Mann durch ihre Schönheit nicht in
Versuchung gerät. Das bedeutet: Frauen werden in der muslimischen Welt
einzig als sexuelle Objekte behandelt, ihnen wird die Persönlichkeit und
ihr Verstand abgesprochen. Und nicht wenige Musliminnen verhüllen sich,
um zu zeigen, dass sie sich ihrem Mann unterwerfen. Ich meine daher,
dass ein Burka-Verbot ein richtiger Schritt ist.
Ist die
Unterdrückung der Frau symptomatisch für den Islam?
Der Koran
legitimiert das Schlagen von Frauen. "Wenn ihr fürchtet, dass sich eure
Frauen auflehnen, dann ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt
sie", heißt es in der 4. Sure, Vers 34. Diese Anweisung wird an keiner
Stelle des Korans relativiert. Auch die Lebensweise des Propheten
Mohammed wird angepriesen, der mit 50 Jahren ein neunjähriges Mädchen
geheiratet hat. Das ist das Vorbild für Millionen Muslime weltweit.
Natürlich gibt es auch liberale Muslime, die eine Reform der strengen
islamistisch geprägten Auslegung des Korans anstreben. Doch sie sind in
der Minderheit, werden kaum gehört und in der muslimischen Welt nicht
beachtet. Andere schauen einfach zu. Hinzu kommt die mangelnde
Kritikfähigkeit - der Koran und alle muslimischen Überlieferungen dürfen
nicht hinterfragt werden.
Wie viele Frauen unterstützen Sie
zurzeit mit "Sabatina e.V."?
Aktuell sind es zehn Frauen, die
wir betreuen, Anfragen haben wir von 150. Jährlich werden alleine in
Deutschland tausende Frauen zwangsverheiratet, die genauen Zahlen lassen
sich nur schätzen.
Wie helfen Sie den Frauen in der Praxis?
Wendet
sich ein Mädchen an uns, die zur Heirat gezwungen werden soll,
unterstützen wir sie darin, aus ihrer aktuellen Gefahrensituation - in
vielen Fällen ihre Familie - herauszukommen. Wir arbeiten meistens sehr
eng mit den Schulen, Jugendämtern, Frauenhäusern und dem "Weißen Ring"
zusammen, schildern ihnen die Situation und Gefahr. Gemeinsam
ermöglichen wir den Mädchen eine neue Unterkunft, bieten ihnen Schutz
und, ganz wichtig, Begleitung. Denn die Mädchen sind nach einem solchen
Schritt, der für sie unabdingbar ist, meist traumatisiert: Sie haben
alle sozialen Bindungen verloren, die sie hatten. Ihnen wurde jahrelang
eingeredet, dass sie eine Schande für die Familie seien, wenn sie nicht
gehorchen. In vielen Fällen wurden die Mädchen auch körperlich
misshandelt, um sie gefügig zu machen. Uns ist es wichtig, den Mädchen
eine Schulbildung zu ermöglichen, sie in ein Opferschutzprogramm
aufzunehmen - vor allem aber, sie vor einer Zwangsheirat zu retten.
Sie
verstehen Ihren Verein auch als Beitrag zur Integration. Was fordern
Sie von Muslimen in Deutschland?
Wir brauchen einen echten
Dialog, nicht nur einen Monolog. Während in Deutschland Moscheen gebaut
werden, leiden etwa Christen in muslimischen Ländern aufgrund ihres
Glaubens. Christen dürfen nicht in der Bibel lesen, dürfen sich nicht zu
Gottesdiensten versammeln. Es geht hier um die Menschenrechte, die in
allen Ländern gleichwertig beachtet werden müssen. Doch in den
offiziellen Dialogveranstaltungen wird darüber kaum gesprochen.
Stattdessen kritisieren Muslime, in Deutschland herrsche eine
"Islamophobie", es werde eine unberechtigte Angst vor dem Islam
geschürt. Das sind Ablenkungsmanöver, die einem echten Dialog schaden.
Vielen
Dank für das Gespräch!
Das ZDF zeigt am kommenden
Dienstag, 25. Mai, um 22:15 Uhr in der Reihe "37 Grad" eine Reportage
über Sabatina James und ihre Unterstützung von Mädchen, die
zwangsverheiratet werden. Am gleichen Abend ist die Frauenrechtlerin
Gast in der Talkrunde bei Markus Lanz, ebenfalls im ZDF (22:45 Uhr).
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